Einige Ukrainer feiern Weihnachten zweimal

Viele Ukrainer feiern Weihnachten zum ersten Mal fern der Heimat. Wie geht es ihnen dabei? Ein Besuch bei einer Familie in Kaufering.

Einige Ukrainer feiern Weihnachten zweimal

Viele Ukrainer feiern Weihnachten zum ersten Mal fern der Heimat. Wie geht es ihnen dabei? Ein Besuch bei einer Familie in Kaufering.

Für den Besuch unserer Redaktion haben sie extra Kleider angezogen, die sich an die traditionellen Trachten in der Ukraine anlehnen, und ukrainisches Gebäck gebacken: (von links) Iryna Sushytska mit Tochter Maria (ganz links mit Katze), Tochter Sofia und Inna Harbuz mit Sohn Maxim und Tochter Maria.

Foto: Christian Rudnik
VON DAGMAR KÜBLER
Kaufering

Viele Geflüchtete aus der Ukraine, die mittlerweile im Landkreis Landsberg leben, haben nun zum ersten Mal Weihnachten fern ihrer Heimat und auch fern von Freunden und Verwandten, die dortgeblieben sind, erlebt. Wie sie Weihnachten gefeiert haben und warum es Weihnachten für manche sogar zweimal gibt.

Weihnachten ist in der Ukraine ein Fest, das zusammen mit allen Verwandten gefeiert wird. Oft trifft man sich bei den Älteren, beispielsweise bei den Großeltern, und jeder bringt etwas zum Essen mit. Traditionell werden zwölf Fastenspeisen, also Speisen ohne Fleisch, aufgetischt; die Zahl erinnert an die zwölf Apostel Christi. Obligatorisch sind Uzvar, ein Getränk aus süßen Früchten, Pampuhi – die den deutschen Krapfen ähneln –, das ukrainische Nationalgericht Borschtsch, Vareniki – Teigtaschen mit Füllung – und Kutya, ein süßer Weizenbrei mit Honig, Nüssen und Rosinen, den insbesondere die Kinder sehr lieben, erzählt Iryna Sushytska im Gespräch mit unserer Redaktion. Iryna stammt aus Lwiw (Lemberg) und wohnt mit ihren Kindern Maria, 8, und Sofia, 12, in Kaufering. Zu den beliebten Fastenspeisen zählen aber auch gefüllter Fisch, Kohltopf mit Champignons, gefüllte Kohlrouladen mit Reis und Champignons, saure Sahne sowie gesalzenes Gemüse. „Vor dem Abendessen wird eine Kerze angezündet und das älteste Mitglied der Familie spricht ein Dankgebet“, erklärt die 48-Jährige, die in der Ukraine als Ärztin gearbeitet hat.

Fern der Heimat war heuer jedoch alles anders. Alle zwölf Speisen habe sie nicht zubereitet, das sei für einen allein einfach zu viel Arbeit, so Iryna. Auch die sonst so lustige und frohe Weihnachtsstimmung sei nicht aufgekommen. „Wir haben mit den Verwandten zu Hause telefoniert und schöne Weihnachten gewünscht. Die Nachrichten von dort lassen keine frohe Stimmung aufkommen, immer wieder schlagen in der Nähe von Lemberg Bomben ein, der Strom fällt mehrmals täglich aus und die Heizungen funktionieren nicht immer. Noch schlimmer ist die Situation in Kherson, von dort stammt eine Freundin Irynas, Inna Harbuz, die mit ihren Kindern Maxim, 2, und Maria, 11, zu Besuch gekommen ist. In der Weihnachtszeit sei sowohl die Geburtsklinik als auch ein beliebter Markt, auf dem sich die Menschen für das Festessen eingedeckt haben, bombardiert worden, erzählt die 34-Jährige.

Weihnachten haben Iryna und Inna am 24. Dezember, also gemäß der deutschen Tradition, gefeiert. In der Ukraine feiern die orthodoxen Christen, zu denen die beiden Frauen zählen, jedoch nach dem Julianischen Kalender erst am 6. Januar Weihnachten. Eine Besonderheit gibt es jedoch in Irynas Familie: Da ihre Oma aus Polen stammt und dort am 24. Dezember Weihnachten ist, feierte ihre Familie immer zwei Mal. Diese Tradition will sie auch in Deutschland beibehalten. Geschenke für die Kinder gibt es bei ihr allerdings nicht zu Weihnachten, sondern traditionell am Nikolaustag. Dieser fällt in der Ukraine auf den 19. Dezember. Üblicherweise findet in der Ukraine der Kirchgang am 7. Januar statt. Heuer hat Iryna am 25. Dezember den Gottesdienst in der griechisch-katholischen Kirche in München besucht.
Dank großer Unterstützung sind Iryna und Inna und ihre Kinder gut in Deutschland angekommen. „Die Menschen hier sind sehr nett, sie helfen sehr viel, wir bekommen wahre Herzenshilfe“, sagt Iryna, die erstaunlich schnell Deutsch gelernt hat – und insbesondere den Satz „Geduld haben und Zeit mitbringen“ in Bezug auf die deutsche Bürokratie. Dennoch zieht es beide Frauen zurück in ihre Heimat: „Wir sind nur wegen unserer Kinder hier“, sagen beide; um ihnen den Krieg zu ersparen, sind beide bereits Ende Februar nach Deutschland geflüchtet. Während Irynas Mann vor Kurzem nachgekommen ist und gleich Arbeit gefunden hat, ist Innas Mann noch im Kriegseinsatz.

„Viele Männer sind inzwischen nachgezogen“, berichtet auch Stefan Krebs vom Ukraine-Forum. Ihre Ankunft sorgt für zahlreiche Veränderungen und neue Herausforderungen. So sind die Unterkünfte in privaten Räumen für eine weitere Person oft zu klein und manche private Vermieter wollen die Väter auch nicht unbedingt mit im Haus haben. Zudem hätten die Mütter ihr Umfeld in den vergangenen Monaten für sich und die Kinder passend gestaltet und Deutsch gelernt.

Die Männer gerieten dadurch erst einmal ins Hintertreffen und müssten separat untergebracht werden. „Viele Familien suchen nun eine neue Unterkunft“, berichtet Krebs, der eine weitere Flüchtlingsbewegung in der Ukraine kommen sieht: Bislang haben die Älteren in den Kriegsgebieten ausgeharrt. Wo jedoch ständig gebombt wird, Heizung und Strom ausfallen und kaum mehr Jüngere leben, die die Senioren unterstützen können, werde das Leben für diese immer schwieriger. Vor allem, wenn der Winter noch einmal nachlege, würden auch sie flüchten, so Krebs‘ Prognose.

Publiziert mit freundlicher Genehmigung des Landsberger Tagblatts. Originalartikel vom 31.12.2022